Das Selbstgespräch ist eines unserer besten Denkwerkzeuge. Die einzigen allerdings, die es unbefangen nutzen sind Kinder. Je älter wir werden, desto weniger lassen wir dieses wunderbare und noch dazu kostenlose Universalhilfsmittel einfach links liegen.

Wundermittel Selbstgespräch

Selbstgespräche helfen uns dabei, Aufgaben besser und schneller zu lösen, sie strukturieren Unstrukturiertes, machen im Verborgenen Liegendes deutlich, helfen uns die Kontrolle zu behalten, beruhigen und motivieren, stärken das Gedächtnis und helfen dabei Bewegungsabläufe, zu automatisieren. Nicht wenige, nicht die schlechtesten Argumente, um sich mit Selbstgesprächen näher zu beschäftigen.

Befindlichkeiten überwinden

Doch bevor man in den Genuss der Vorteile von Selbstgesprächen kommt, muss man an die Befindlichkeiten ran. Mit sich selbst reden? Das ist aber schon ein wenig Gaga, oder? Ich bin doch nicht verrückt! Im Gegenteil, wer mit sich selbst redet, ist meist kerngesund. Und während eines Kinobesuchs oder einer Zugfahrt muss man ja nicht mit sich selbst, sondern kann auch mal mit anderen reden.

Wer aber bei allem, was er tut oder lässt, denkt: Was sollen denn die Leute denken?, der kann sich für seine ersten Selbstgesprächsversuche ja Orte suchen, an denen wenig Leute sind. Oder solche, an denen Selbstgespräche selbstverständlich sind.

Beruhigen und motivieren

Orte des Wettkampfs oder Garderoben sind vor Auftritten tolle Orte für Selbstgespräche. Die Hochspringerin, die sich mit Worten selbst beruhigt. Der Diskuswerfer, der erst sich selbst mit Worten anfeuert und dann das Publikum mit Klatschen motiviert oder die Moderatorin, die einen letzten Blick in den Spiegel wirft und sagt: Ich freu mich drauf! Das Gespräch mit sich selbst ist ein wichtiges mentales Werkzeug für erfolgreichen Wettkämpfe und Auftritte.

Automatisieren

Sportler, auch Tänzer, Schauspieler und Musiker nutzen das Selbstgespräch nicht nur im Wettkampf, sondern bereits Vorfeld, im Training oder bei den Proben. Hier weniger, um sich zu beruhigen oder zu motivieren, sondern um sich bestimmte Bewegungsabläufe immer wieder vor Augen zu führen, sie einzustudieren und schließlich zu automatisieren. Ob Führhand – Schlaghand – Führhand in der Boxhalle, Lauf – spring – dreh – runter in der Eislaufhalle oder erst zum Drummer – dann zum Bühnenrand – dann die Hände zum Himmel auf der Mainstage: Überall wird mit sich selbst gesprochen, um seine Fertigkeiten auf den eigenen Bühnen wie von selbst abrufen zu können.

Gedächtnis stärken

Besser als jedes stumme Auswendiglernen ist das laute Selbstgespräch, ob Texte von Shakespeare, die der eigenen Redaktion oder Taktikvorgaben des Trainerteams:  Was wir uns einmal haben laut sagen hören, das bleibt nicht nur besser im Gedächtnis sondern stärkt es obendrein. Und ein gutes Gedächtnis  schadet auch im Alltag nicht: Wer sich laut vorsagt, er wird den Ventilator aus dem Keller holen, der fragt sich im Keller nicht, was er hier eigentlich wollte.

Problem strukturieren und lösen

Selbstgespräche sind Problemlöser, weil sie Verborgenes hervorbringen, Strukturen transparenter machen und helfen, Herausforderungen besser zu bewerten. Durch Selbstgespräche entsteht ein Sammelsurium an zu Worten gewordenen Gedanken, die wir nun – da ausgesprochen – mit gewisser Distanz betrachten und besser einordnen können. Aus zuvor noch unfertigen Gedanken und schemenhaften Bildern lassen sich so Probleme strukturieren und leichter lösen.

Ob zwischenmenschliche Konflikte im Team, die Verfeinerung der Spielidee oder des nächsten Bühnenprogramms: Wer mit sich spricht, der macht eher von sich reden.